Unterrichten auf der Straße

Ein Rückblick auf den Don Bosco Online-talk zur Straßenpädagogik mit Referent Dr. Hartwig Weber

Unter dem Titel „Straßenpädagogik. Das Recht auf Bildung für alle Kinder“ fand am 26. April 2022 der dritte Don Bosco Online-talk zum Themenschwerpunkt „Kinderrechte“ statt, den die Don Bosco Schwestern gemeinsam mit dem JPI anlässlich des Jubiläumsjahres der Schwestern organisierten.

Gastreferent Prof. Dr. Hartwig Weber entführte 28 Zuhörer/innen gedanklich in die 2,5-Millionen-Einwohner-Metropole Medellìn in Kolumbien – und dort direkt ins Armenviertel auf die Plätze und Märkte, wo die Straßenkinder leben.

Das Leben auf der Straße, so wird schnell klar, ist hart. Und auch wenn der Referent Bilder von lachenden jungen Menschen zeigt, so machen die Erzählungen betroffen. Die Jungen und Mädchen konsumieren täglich Drogen und handeln damit. Die Mädchen sind alle in der Prostitution.

In den hohen Gebäuden, die die Plätze säumen, befinden sich zahlreiche Verschläge, in denen sie wohnen. Hier bekommen die Mädchen ihre Kinder und hier verstecken sie sie auch vor der Polizei, damit sie ihnen nicht weggenommen werden. Ab und zu verschwindet ein junger Menschen. „Man kann dann davon ausgehen“, so Weber, „dass dieser junge Mensch tot ist.“ Die Lebenserwartung der Straßenkinder ist sehr niedrig. Sie sind Gewalt, Krankheit und Drogen ausgesetzt.

Patio13 – eine Schule für Straßenkinder
Im Jahr 2000 begann Hartwig Weber mit Don Bosco Schwester Sara Sierra Jaramillo das Projekt „Patio13 – Schule für Straßenkinder“. Der Unterricht findet – wo auch sonst – auf der Straße statt.

„Patio13 will eine Brücke bauen zu den jungen Menschen, will ihre Lebenswelt verstehen und ihre Defizite kennenlernen, um darauf aufbauend Bildungsangebote zu schaffen“, erklärt Referent Weber. „Ganz langsam und über Jahre ist dann so etwas wie die Pädagogik der Straße entstanden“, so Weber.

Kinderrechte im Straßenmilieu?
Artikel 28 und 29 der Kinderrechtskonvention besagen, dass jedes Kind das Recht auf Bildung hat und diese Bildung so gestaltet sein muss, dass sie die Persönlichkeit, Begabungen und Fähigkeiten des Kindes zur Entfaltung bringt. Blickt man auf das Lebensumfeld der Straßenkinder, so ist die himmelschreiende Diskrepanz zwischen Forderung und Einhaltung der Kinderrechte nur allzu deutlich. Wo Recht und Ort der Umsetzung dermaßen auseinanderfallen, da setzt laut Hartwig Weber die Straßenpädagogik an.

Straßenpädagogik orientiert sich an Lebenswelt
Straßenpädagoginnen und -pädagogen lernen zuerst die Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen kennen. Wie funktioniert das Leben und Überleben auf der Straße? Was ist den Menschen wichtig? Was ist ihnen verwehrt? So ist die körperliche Unversehrtheit ein wichtiges Thema, auch Bindungen, Freundschaften oder Liebe, die auf der Straße aber ganz eigenen Gesetzen folgen.

„Kinder und Jugendliche auf der Straße haben nicht das Gefühl, ihr Leben zu kontrollieren. Vielmehr übt die Außenwelt ständig Kontrolle auf sie aus“, so Hartwig Weber. Sie machen sich auch kein Bild von ihrer Zukunft – das fällt ihnen sehr schwer. Sie leben für den einzelnen Tag. Erst wenn man diese Voraussetzungen versteht, wird es möglich, Bildungsangebote für diese Kinder und Jugendlichen bereitzustellen.

Die Straße als pädagogisches Feld ist völlig unberechenbar. Die jungen Menschen unterscheiden sich in Alter, Motivation oder Vorkenntnissen. Regelmäßigkeit, wie in einem Schulbetrieb, gibt es nicht. Lernen findet im Moment statt. Die pädagogische Kunst bestehe darin, so Hartwig Weber, Pläne auch über den Haufen zu werfen.

„Präsent sein, ohne Absicht“
Wer den Erfolg der Straßenpädagogik an der Anzahl der Kinder und Jugendlichen messen will, die von der Straße weggeholt werden können, ist im Vorhinein zum Scheitern verurteilt. „In der Regel können drogenabhängige Jugendliche nicht von der Straße weg“, erklärt Weber. „Ist unser Tun also auf Erfolg aus, oder ist uns die Präsenz wichtiger? Wir haben uns für Letzteres entschieden.“

Ausbildung „Straßenpädagogik“
Seit acht Jahren bietet die Universität Heidelberg unter Begleitung von Hartwig Weber das E-Learning-Programm „Straßenpädagogik“ an. Mittlerweile nehmen an diesem Format Menschen aus verschiedensten Einrichtungen und Institutionen weltweit teil. „Das, was man in der Ausbildung lernt, ist überall anwendbar. Entscheidend ist aber, dass man, egal, wo man anfängt, zuerst tief in die Situation vor Ort einsteigen muss. Sich mit den Lebensgeschichten der Kinder und Jugendlichen zu beschäftigen, ist entscheidend. So stellt man den Kontakt zu ihnen her.“

Informationen zur Ausbildung:
https://strassenschule.de
https://www.strassenpaedagogik.de

Weiterführende Informationen:
https://patio13.de

Video Straßenkinder in Medellin mit Sr. Sara Sierra Jaramillo (Don Bosco Mission Bonn)

 

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