Mexiko stellt sich auf Verbleib des Migrantenzugs ein

Salesianerpater Agustin Novoa Leyva beleibt in der Flüchtlingshilfe engagiert.
Trotz Protesten gibt es enorme Solidarität in der Grenzstadt Tijuana - "Alles ist im Zeichen der Aufnahme". Foto: SDB/kathpress

Der Migrantenzug, der sich in den vergangenen Wochen von Honduras und El Salvador durch Mexiko in Richtung USA bewegt hat und nun in Tijuana ins Stocken geraten ist, dürfte sehr wahrscheinlich in der nordöstlichsten Grenzstadt Lateinamerikas bleiben: Das hat der Direktor des örtlichen Salesianerprojekts, P. Agustin Novoa Leyva, im Telefoninterview mit "Kathpress" erklärt.

In der Stadt gebe es gegen die "Karawane" zwar sehr wohl auch Proteste und Feindseligkeiten, doch handle es sich dabei um sehr kleine Gruppen, so der in der Flüchtlingshilfe engagierte Ordensmann. Unvergleichbar größer sei indes die Hilfsbereitschaft.

"Bereits über 5.000 Menschen sind seit einer Woche im Zuge der 'Karawane' nach Tijuana gekommen, über 4.000 weitere werden in diesen Tagen erwartet", berichtete Novoa. In der Grenzstadt mit ihren über 1,5 Millionen Einwohnern bestimme dieser "Exodus" aus Zentralamerika derzeit die öffentliche Wahrnehmung. Einerseits aufgrund der phasenweisen Schließung bzw. Reduktion des Grenzübergangs durch die US-Behörden, wodurch sich die Wartezeiten für das Passieren von zwei auf fünf Stunden und die Warteschlangen auf zwischenzeitlich bis zu zehn Kilometer Länge erhöht hätten.

Zugleich sei das Thema in den Medien und der Stadtpolitik allgegenwärtig - mit populistischen Tönen, wie der Ordensmann bemerkte. Für viel Unmut in Internetforen sorgte etwa das Video einer Frau aus Honduras, die sich - angesichts des Durchfalls ihrer mitgereisten Tochter, wie sie später klarstellte - darüber beschwert hatte, in ihrer Herberge gebe es "nur Bohnen zu essen". "Das war jedoch nur eine von 9.000. Das Bild, das damit vermittelt wird, ist falsch", betonte Novoa. Dennoch wurde es bei Demonstrationen gegen Migranten aufgegriffen, an denen laut manchen Zeitungen rund 600 Personen teilnahmen. "Tatsächlich waren es aber keine 100", so der Ordensmann.

Weiter Öl ins Feuer gegossen habe dann auch Tijuanas Bürgermeister Juan Manuel Gastelum, der die Migranten als "Drogenabhängige und Kriminelle" bezeichnete und versprach, er werde die Stadt "verteidigen". In P. Novoas Augen sei dies ein "politisches Ausschlachten" der aufgeheizten Stimmung und vorhandener Ängste.

Teil der Identität der Stadt

Die ständige Ankunft von Migranten sei die Stadt jedoch gewohnt, wenn auch sonst in kleinerem Ausmaß, erklärte der Salesianerpater: "Die Aufnahme von Menschen ist Teil der Identität und Berufung Tijuanas, das durch seine aus ganz Mexiko und Lateinamerika stammende Bevölkerung immer schon die 'Hauptstadt der menschlichen Mobilität' war und erst 2016 über 3.000 Migranten aus Haiti aufgenommen hat." Das Modell der Haitianer wäre auch in der momentanen Situation die wahrscheinlich beste Lösung, befand Novoa: Der Traum der Migranten vom Grenzübertritt nach Kalifornien sei auch damals nicht in Erfüllung gegangen, doch sei es - unter Mitwirkung der Salesianer - gelungen, Arbeit in Tijuana zu vermitteln und sie damit auch zu integrieren.

 

Auch jetzt sei gleich nach der Ankunft der "Karawane" das Salesianerprojekt von Tijuana erneut aktiv geworden: In Zusammenarbeit mit der mexikanischen Regierung, entstand auf dem unweit der größten staatlichen Herberge der Stadt gelegenen Ordenszentrale ein "Arbeitsmarkt", an dem Firmen den Migranten offene Arbeitsplätze anbieten. "In dieser Woche wurden bereits 500 Stellen vermittelt, 10.000 weitere gäbe es", berichtete Novoa. Da die wenigsten der Migranten einen Schulabschluss besitzen, werden auch viele Stellen in Küchen, in der Reinigung oder am Bau angeboten. Zugleich werden zur Regelung des Rechtsstatus humanitäre Visa für Mexiko ausgestellt. Wichtig sei dies, da es neun Monate dauere, um in den USA Asyl zu bekommen.

Solidarität auf beiden Seiten des Grenzzauns

Selbst bei gefundener Arbeit gebe es in Tijuana viele Hürden, angefangen von der Suche einer Wohnung, ebenso aber auch enorme Solidarität, hob der Salesianer hervor. Derzeit lebten die meisten "Karawane"-Flüchtlinge in staatlichen oder privaten Notunterkünften, etliche davon in kirchlichen Einrichtungen und Pfarren, die einem entsprechenden Aufruf von Tijuanas Erzbischof Francisco Moreno Barrón Folge geleistet hatten. Die Diözese eröffnete ein zentrales Sammellager für Lebensmittelspenden, laut Novoa mit großem Echo: "Viele Einzelpersonen und Organisationen aus Tijuana, vor allem jedoch auch in Kalifornien lebende Zentralamerikaner, beteiligen sich und bringen Hilfsgüter, um die Versorgung der Menschen sicherzustellen. Alles ist im Moment im Zeichen der Aufnahme."

Auch im Projekt der Salesianer Don Boscos, das zu den größten Sozialeinrichtungen Tijuanas zählt und in sechs Stadtvierteln aktiv ist, ist die "Karawane"-Hilfe im Moment das Hauptthema: Neben dem Arbeitsmarkt und Herbergen betreibt der Orden im Stadtzentrum seit jeher eine von Freiwilligen betriebene Armen-Ausspeisung, bei der die sonst 800 warmen Frühstücke pro Tag nun auf 2.000 aufgestockt wurden; 1.000 zusätzliche Essensportionen werden an staatliche Notunterkünfte geliefert.

Das Projekt in Tijuana hat enge Verbindungen zu Österreich: In den vergangenen Jahren waren hier 127 Jugendliche aus Österreich in Freiwilligeneinsätzen der Organisation "Volontariat bewegt" tätig, 80 davon im Rahmen eines Jahresvolontariats bzw. als Zivilersatzdienst.

Kapitulation Mittelamerikas

"Tijuana kann die momentane und mittelfristige Versorgung und Integration der Ankommenden bewältigen. Die Realität an der Wurzel des Migrationsphänomens ändert sich damit aber nicht", bemerkte P. Novoa. Viele Menschen würden weiterhin zum Verlassen ihrer Heimat gezwungen - durch Folgen von Klimaveränderungen und Armut, sowie speziell in Mittelamerika durch die Gewalt des organisierten Verbrechens, das in vielen Bereichen die Kontrolle übernommen habe. Dass Mittelamerikas Regierungen die Karawane unterstützten statt gegen solche Probleme vorzugehen, sei in Wahrheit das Eingeständnis einer Kapitulation, befand der Ordensmann, der an einen oftmaligen Appell des Papstes erinnerte. "Franziskus mahnt immer wieder, dass Fluchtbewegungen langfristig nur durch Überwindung der Armut und durch Verbesserung der Sicherheit aufgehalten werden können.

(KAP)

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