Leben in der Warteschleife

Die Berliner Kamerafrau Miriam Fassbender dreht mit jungen Flüchtlingen einen Film über ihr Leben in Wien.
Jugendliche des Don Bosco Flüchtlingswerkes drehten eine Woche lang ihren eigenen Film.

Zehn Jugendliche vom Don Bosco Flüchtlingswerk treffen sich am 30. April im Pfarrzentrum Stadlau. Miriam Fassbender, freischaffende Filmerin aus Berlin, zeigt ihnen am Laptop jene Videos, die sie am Vortag selbst gedreht haben: Halbtotale, Totale, Oversholder – mit den unterschiedlichen Kameraperspektiven sind die Jugendlichen bereits vertraut.

Einer der Jugendlichen ist mit seiner Aufnahme gar nicht zufrieden und will sie gelöscht haben. Fassbinder versucht zu beruhigen: „Es geht jetzt erstmal darum, Material zu sammeln. Was in den Film reinkommt, entscheidet ihr später.“

Einführung ins Filmen mit Miriam Fassbender.
Beim Dreh in einem bei den Jugendlichen beliebten Lokal nahe der U-Bahn-Station Gumpendorferstraße.

Der Film

Die Idee für das Videoprojekt wurde 2013 geboren. Damals feierte das Don Bosco Flüchtlingswerk sein 10-jähriges Bestehen. Zu diesem Anlass wurde Fassbenders Film „Fremd“ vorgeführt. Eine Dokumentation, die Flüchtlinge aus Mali bei ihrem Versuch nach Europa zu gelangen, begleitet. Die Protagonisten des Films filmten sich dabei zum Teil selber.

Das brachte den damaligen Geschäftsführer Floridus Kaiser auf die Idee, ein ähnliches Projekt mit den Jugendlichen vom Flüchtlingswerk zu starten. Sie sollten Gelegenheit erhalten, ihre Geschichten zu erzählen und sich dabei gegenseitig zu filmen. Miriam Fassbender sagte zu und so konnte das Projekt im April 2014 starten.

Schnitt

Nasrullah Muhammadi (re.) übersetzt von Dari ins Deutsche, der Cutter Andreas Landeck (li.) tippt die Untertitel.

Fünf Tage lang haben die Jugendlichen an unterschiedlichen Orten in Wien gedreht. Jetzt müssen etwa drei Stunden Videomaterial übersetzt werden. Einige Interviews wurden zwar auf Deutsch oder Englisch gesprochen. „Für die Burschen ist es aber einfacher ihre Geschichte in der Muttersprache zu erzählen“, sagt der Cutter Andreas Landeck.

Die Jugendlichen, die am Filmprojekt teilnehmen, kommen aus Afghanistan. Ihre Muttersprache ist Dari, neben Paschtun die offizielle Amtssprache. Nasrullah Muhammadi, ein Freund der Jugendlichen aus dem Flüchtlingswerk, übersetzte Satz für Satz von Dari auf Deutsch. Landeck tippt den Text, der als Untertitel im Video zu sehen sein wird.

Ein gelungenes Projekt

Miriam Fassbender wurde durch ihren Dokumentarfilm "Fremd" bekannt.

Mit dem Projekt ist Fassbender zufrieden. Alle Jugendlichen sind an jedem Drehtag gekommen, haben gefilmt, interviewt und sich eingebracht.

„Der Film soll vermitteln, wie die jungen Flüchtlinge ihre Tage verbringen“, sagt Fassbender. Ein Jugendlicher wurde im Fitnesscenter beim Training gefilmt. Andere auf der Donauinsel oder in Parks. Da sie wenig Geld für Freizeitaktivitäten zur Verfügung haben, bleiben ihnen oft nicht viel mehr als in Parks rumzuhängen, weiß Fassbender.
An den unterschiedlichen Locations erzählen sie von den Gründen ihrer Flucht, aber auch vom Leben in der Warteschleife in Österreich.

Der Film geht auch auf ihre Träume und Perspektiven ein. Ein Jugendlicher möchte Profifußballer werden, also haben sie mit ihm im Ernst-Happel-Stadion gedreht. Ein anderer hat Mechaniker als Berufswunsch, er erzählt seine Geschichte in einer Autowerkstatt. Parallel zu den Drehs haben die jungen Flüchtlinge mit Nuri Arslanov, einem Musiker aus Dagestan, den Soundtrack zum Film einstudiert. 

„Die Endfassung des Videos wird in den nächsten Tagen gemeinsam mit den Jugendlichen erarbeitet“, sagt Fassbender.
Auf das Ergebnis kann man gespannt sein. 

(red)

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