Hilfe nach dem Hochwasser

Rebecca, Mitbewohnerin der Wohngemeinschaft Haus Mornese, half eine Woche bei den Aufräumarbeiten.

Studentin Rebecca Karrer aus der Wohngemeinschaft Haus Mornese in Salzburg ist dem Aufruf von „Haus der Hoffnung e.v.“ gefolgt und ins Ahrtal gereist. Der Verein hilft bei den Aufräumarbeiten nach dem verheerenden Hochwasser im Juli 2021. Rebecca half eine Woche lang mit und schildert eindrücklich, wie es den Menschen vor Ort geht.

Zwei Pärchen um die 70 sitzen neben mir auf der Bierbank bei einer der Versorgungsstationen in Bad Neuenahr, wo sie zurzeit ihre Mahlzeiten einnehmen. In ihren Wohnungen gibt es noch keinen Strom. Sie unterhalten sich über die Ereignisse der letzten Wochen. Er habe gerade noch den Nachbar retten können. In einem Dorf weiter sei eine Küchencrew ertrunken. Unweit von hier sei eine provisorische Apotheke eingerichtet worden, bei der man Medikamente abholen könne. Eines der Pärchen zieht weg von Bad Neuenahr. Wenn sie eine Wohnung gefunden haben, werden sie voraussichtlich im November zur Tochter nach Baden-Württemberg ziehen. „Ich will meinen Lebensabend angenehm verbringen“, erklärt die Dame. Die Infrastruktur der kleinen Gemeinde ist zu weiten Teilen zerstört. Die Metzgerei, die nur hochwertiges Fleisch über den Tresen gereicht hat, gibt es nicht mehr. Der beliebte Bäcker wird wohl nicht wieder aufmachen. Der ältere Herr neben mir meint: „Viel, was jetzt wiederaufgebaut wird, ist für die junge Generation, wir werden das nicht mehr erleben.“ „Man will gar nicht nach Hause gehen“, sagt seine Frau, als sie sich erhebt, um den Heimweg anzutreten.

Ein paar Straßen weiter ist eine Dame bei Bekannten untergekommen. Sie hat ihre Tochter in den Fluten verloren. 32 Jahre hat sie die Verstorbene, die körperlich und geistig behindert gewesen war, gepflegt. In der Nacht der Flut konnte sie ihre Tochter, die im Erdgeschoss gewohnt hatte, nicht retten. Sie wünscht sich einen Erinnerungsort, kann sich aber eine Beerdigung nicht leisten. Ich gebe die Geschichte der Dame dem Leiter von Haus der Hoffnung e.V. weiter. Am nächsten Tag ruft dieser die Betroffene an und sagt ihr zu, dass das Haus der Hoffnung die gesamten Kosten der Beerdigung übernehmen wird.

Der kleine Junge wirkt leicht abwesend, als er mit seinem Vater bei der Versorgungsstation in Bad Neuenahr ankommt. Aus der Spielzeugkiste sucht er sich einen Miniatur-Helikopter aus. Ein solcher hat ihm in der Flutnacht das Leben gerettet. Als ich ihn darauf anspreche, beginnt er plötzlich wildgestikulierend und aufgeregt zu erzählen. Wegen seines Sprachfehlers ist sein Bericht unverständlich, ich verstehe aber genug über den inneren Aufruhr und den Schock, unter dem der ca. Fünfjährige nach zwei Wochen immer noch steht.

Sie sitzt seit über 15 Tagen im Dunkeln. Die Rollläden in ihrer Wohnung sind heruntergelassen und ohne Strom oder einen gewaltsamen Kraftakt ist es unmöglich, sie zu öffnen.

Er bekommt die Bilder nicht mehr aus dem Kopf, nachdem der Leichnam einer guten Bekannten in einen Müllsack gepackt und im Kofferraum verstaut weggebracht worden war.

Sie isst seit der Flut kaum mehr und muss sich zu jedem Bissen zwingen. Im Garten nebenan ist der Nachbar gestern auf eine Leiche gestoßen.

Sie haben alles verloren und besitzen nur noch die Klamotten, die sie am Leib tragen.

Er konnte die Kinder, die auf der Rückbank des von der Flut mitgerissenen Autos saßen, nicht retten.

Sie haben 10 Stunden auf dem Dachfirst auf Hilfe gewartet.

„Das Adrenalin ist draußen“, erklärt der Bewohner des Örtchens Mayschoß, das direkt an der Ahr gelegen ist. Seine Stimme bricht. Der 67-Jährige weiß nicht, ob er den Aufräumarbeiten gewachsen ist, und macht sich um seine Zukunft Gedanken. „Man funktioniert einfach“ ist ein Satz, den man häufig hört. Bleibt man stehen und fragt, wie es ihnen geht, treten Männern und Frauen Tränen in die Augen.

Die Menschen im Ahrtal sind tief getroffen. Innen und außen. Sie reagieren dankbar auf den längst abebbenden Strom an Hilfsgruppen, die durch die Straßen ziehen und Hilfe anbieten. Sie halten sich tapfer, halten zusammen.

An einer Eingangstür in dem schwer getroffenen Ahrweiler ist ein Schild angebracht: „Ahrweiler, bleibt stark. Aufgeben ist nicht.“

Unter der Koordination von Haus der Hoffnung e.V. bringen Christen aus ganz Deutschland Hoffnung ins Ahrtal – sie packen mit an, hören zu und beten mit den Menschen.

Nähere Informationen auf https://www.haus-der-hoffnung-e-v.de/aktuelles

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