Die Frustration kanalisieren

Interview mit dem Salesianer Thomas Jerry über Friedensarbeit in Nordostindien.
Seit 2002 arbeitet Frater Thomas Jerry SDB mit der Österreichischen Dreikönigsaktion zusammen. (Foto: DKA)

Der indische Salesianer Frater Thomas Jerry hat ein Ziel: Er will Jugendliche zum Gewaltverzicht erziehen. Das ist nicht einfach in einer Region, in der Gewalt an der Tagesordnung steht. Keimzelle für ein friedliches Miteinander soll das von Frater Jerry geleitete Bosco Institut in Jorhat im Bundesstaat Assam sein.

Etwa 65 Prozent der Einwohner Nordostindiens sind Hindus, es gibt auch Muslime und Christen. Welche Rolle spielt Religion bei den Konflikten?

Im aktuellen Konflikt in Assam (Bundesstaat in Nordostindien) wird oft von Bodos auf der einen, und Muslimen auf der anderen Seite gesprochen. Die eine Gruppe wird also durch ihre ethnische Identität definiert, die andere durch ihre religiöse. Wir sollten aber von Bodos und Einwanderern aus Bangladesch sprechen. Die Einwanderer sind Muslime, ja, aber das ist ihre religiöse Identität. Muslime gibt es auch unter den Bodos.

Ebenso wenig wie die Ausschreitungen zwischen Karbis und Nagas. Die Karbis sind Christen und Anhänger traditioneller Glaubensformen. Christen gibt es auch bei den Naga, ebenso wie Hindus und Muslime. Es handelt sich als um ethnische, nicht um religiöse Konflikte.

Welche Art von Gewalt erleben die Menschen im Alltag?

Es gibt sehr viel Aggression auf den Straßen. Zum Beispiel gegenüber Menschen, die aus anderen Teilen Indiens gekommen sind, um Arbeit zu finden. Zu denen sind die lokalen Leute oft nicht sehr freundlich.

Auch häusliche Gewalt ist ein großes Problem: Ehemänner mit Alkoholproblemen, die ihre Frauen körperlich und sexuell missbrauchen.
Sexuelle Gewalt nimmt großen Raum ein, wie Belästigungen und Übergriffe gegen Mädchen auf Straßen oder in Bussen zeigen.

Hinzu kommen Spannungen zwischen ethnischen Gruppen: Wenn zwei Menschen miteinander streiten, wird das oft zu einem Konflikt zwischen Gemeinschaften aufgebauscht. Niemand spricht dann mehr von einem Streit zwischen diesem und jenem Jungen, sondern von einer Auseinandersetzung zwischen dieser und jener Ethnie.

Welche Chance hat der Friede bei den zahlreichen Konflikten in Nordostindien?

Wahrscheinlich wird der Konflikt in den nächsten 50 Jahren kein Ende finden. Solange die politischen Fragen nicht geklärt sind, solange wir die Gewalt weitergehen. Zumal junge Menschen im Militär oder in militärischen Gruppen zu Gewalt erzogen werden.

Das Beste, was unter diesen Umständen erreicht werden kann, ist, eine Generation zu erziehen, die lernt mit Gewalt zu leben und sich weigert, selbst Gewalt auszuüben. Wir können den täglichen Konflikten nicht ausweichen, aber lernen damit in einer gewaltlosen Form umzugehen. Dieser Gedanke leitete uns, als wir 2008 die zweijährige Ausbildung zum Sozialarbeiter starteten.

Die Frage ist: Können wir die Frustration, den Zorn, die Enttäuschung der jungen Leute in etwas Positives kanalisieren, so dass sie Frieden wählen, sich für Verhandlungen entscheiden, lernen ein Problem zu analysieren und es auch von der Perspektive des anderen aus zu sehen?
Solange wir unsere Jugend nicht dazu bringen und uns auf politische Lösungen verlassen, wird es kein Ende des Konfliktes geben.

Ein Kurs im 2008 eröffneten Bosco Institut in Jorhat/Nordostindien. (Foto:DKA)

Info: Konfliktregion Nordostindien

Über 40 Millionen Menschen leben im Nordosten Indiens, ein Gebiet etwas größer als Rumänien. Nordostindien gilt als Konfliktregion mit Spannungen zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen und Bewegungen, die sich von der Zentralregierung in Neu Delhi abspalten wollen.

Eine Wurzel des Konflikts ist die angespannte ökonomische Situation. Die Unruhen wiederum verhindern Investitionen von außerhalb, obwohl es Rohstoffe wie Öl, Gas und Holz in großen Mengen gibt. Unzureichende Infrastruktur, ein schwaches Justizwesen und mangelnde öffentliche Sicherheit verstärken die ökonomischen Probleme zusätzlich.

Autonomie- und Sezessionsbewegungen werden durch die geografische Lage befördert. Mit dem Rest Indiens ist das Gebiet nur durch einen schmalen Korridor, dem „Chicken’s Neck“ verbunden. Guerillagruppen können sich in die angrenzenden Staaten – Bhutan, der Volksrepublik China (Tibet), Burma und Bangladesch – zurückziehen und sich so der Verfolgung durch indische Einheiten entziehen.

Eine der großen Herausforderungen in der Region ist die Frage nach Landrechten. Hinzu kommt die Angst autochthoner Gruppen vor dem Verlust der eigenen Identität durch Zuwanderung aus den angrenzenden Staaten.

(red)

Zurück zur Übersicht

Um die volle Funktionalität unserer Website zu gewährleisten bzw. unser Angebot zu optimieren, setzt unsere Website Cookies. Weiterlesen …