Chance auf Neubeginn

Die Don Bosco Schwestern helfen jungen Strafgefangenen in Benin. Ein Bericht aus dem DON BOSCO magazin.
Schwester Hanni Denifl lässt sich die Schuhe zeigen, die die Kinder hergestellt haben.

Im aktuellen DON BOSCO magazin berichtet Schwester Birgit Baier über den Einsatz ihrer Mitschwestern.

„Nie mehr will ich hierher zurückkehren!“ Lionels Entschluss stand fest, als er nach einem erneuten Streit mit seinem Stiefvater aus dem Haus rannte. Es brodelte schon länger in der Patchwork-Familie. Der 16-Jährige hatte mit dem neuen Mann seiner Mutter kein gutes Verhältnis. Kinder, die nicht aus dem eigenen Blut sind, werden in Benin vom Stiefvater sehr häufig nicht akzeptiert. Eine traurige Mentalität, die Lionel in große Existenznot brachte – er musste selbst für seinen Unterhalt sorgen. Häufig schwänzte er deshalb die Schule, blieb oft mehrere Tage von daheim weg. Dieses Mal sollte es für immer sein.

Lionels neues Zuhause waren die Straßen in Godomey, eiInem Armenviertel im Zentrum Cotonous. Der 16-Jährige ging auf den Markt, um sich durch kleine Arbeiten bei Händlerinnen sein Essen zu verdienen. Manchmal überkam ihn Angst, wenn er nachts, unter einem Verkaufstisch kauernd, bei schweißtreibender Hitze die kalte Einsamkeit in sich spürte. Er lernte andere Jugendliche kennen. Jugendliche, die wie er aus zerrütteten Familien kamen. Denen die Gefahren der Straße lieber waren als die Gewalt zu Hause. Drei Monate hatte sich Lionel bereits als Straßenkind durchgeschlagen, als er eines Abends ins sogenannte „Ghetto“ an der Lagune mitdurfte. Skeptisch musterten ihn die Jugendlichen dort von oben bis unten. Dann sagte einer: „Neuer, du kannst mit uns mitkommen!“

Lionel schlug einen Weg ein, der fernab jeglicher Gesetze verlief. Er folgte der Gruppe in ein nahe gelegenes Stadtviertel. Dort entdeckten sie ein begehrtes Moped, eine¬ „Dream“. Noch ehe Lionel sich umsehen konnte, drückte ihm auch schon einer die „Dream“ in die Hand. „Da! Du schiebst die!“ Dann ging alles ganz schnell. Motorengeräusche neben ihm. Polizisten. Lionel spürte harte Schläge auf seinem Körper. Schmerzgeplagt kam er inmitten nackter Oberkörper wieder zu Bewusstsein. Hinter Gittern einer Polizeistation. Drei Tage lang musste Lionel Hunger leiden, seine Bedürfnisse in Eimern verrichten und morgendlich die Fäkalien beseitigen, bevor er vom Jugendrichter ins Zivilgefängnis von Cotonou eingewiesen wurde. Dort kam es noch schlimmer. In einem riesigen Saal zusammengepfercht musste er die ersten Nächte sitzend schlafen, bevor ihm ein Platz zum Hinlegen auf dem Boden zugewiesen wurde. Erst Wochen später bekam er einen Platz auf den zusammengeschobenen Stockbetten. Dort wurde der 16-Jährige Opfer sexueller Gewalt.

So wie Lionel ergeht es vielen Jugendlichen in Benins Wirtschaftsmetropole. Die westafrikanische Millionenstadt „Am Rande des Todes“, wie Cotonou übersetzt heißt, ist geprägt von hoher Arbeitslosigkeit, zerrissenen Familien, einer großen Anzahl an Schulabbrechern und der damit verbundenen Ausbeutung zahlreicher Kinder als Hilfskräfte. Viele von ihnen landen auf der Straße, wo sie schließlich unter Gleichaltrigen im oft kriminellen Milieu die Anerkennung finden, die sie zu Hause niemals erfahren durften.

Sr. Hanni Denifl kennt das Elend dieser Jugendlichen. Die Österreicherin aus dem Tiroler Fulpmes ist 2006 als Missionarin nach Westafrika gegangen. Als vor fünf Jahren zwei Bäckerlehrlinge der Don Bosco Schwestern wegen Diebstahls ins Zivilgefängnis von Cotonou kamen, begann Sr. Hanni, jugendliche Strafgefangene zu besuchen und mit ihnen Perspektiven für ihr Leben nach der Haft zu erarbeiten. Aus diesen Besuchen ist ein neuer Arbeitsschwerpunkt der Don Bosco Schwestern in Cotonou entstanden: Der „Service Dominique Savio“ – kurz DomS – umfasst heute ein zehnköpfiges Team, das die Jugendlichen im Gefängnis sowohl psychologisch als auch sozialpädagogisch begleitet und ihnen zudem juristischen Beistand bietet, um den Strafprozess voranzutreiben. „Oft warten die Inhaftierten zwei Jahre lang auf eine Gerichtsverhandlung“, berichtet Sr. Hanni.

Ein Ziel ist es, Talente zu entdecken und Selbstvertrauen zu stärken

Sie bahnt sich in dem überfüllten Gefängnis einen Weg zum Jungenabteil. Freudig wird sie begrüßt. Die Jugendlichen halten ihr stolz die neuen Taschen entgegen, die sie geknüpft haben. „Wollen Sie heute wieder welche mitnehmen?“, fragt einer. Die Don Bosco Schwester hilft ihnen dabei, die Taschen zu verkaufen. Mit dem Geld können sie sich Essen besorgen. Die Verpflegung im Gefängnis ist miserabel. Meistens nur eine Mahlzeit. Wer Hunger hat, muss sich etwas dazuverdienen. Auf dem weitläufigen Gefängnisgelände, das durch seine engen Gassen einem kleinen Dorf in der Millionenstadt gleicht, gibt es durchaus Waren. Hier wird gehandelt, verkauft oder erpresst. Eine Parallelgesellschaft, in der meist das Gesetz des Stärkeren zählt. „Für die Jugendlichen ist das schwer auszuhalten“, sagt Sr. Hanni. „Vor allem, wenn sie für sogenannte Bagatelldelikte wie Mundraub hier sind.“ DomS hat deshalb eine Beschäftigungs- und Ausbildungsmöglichkeit im Gefängnis geschaffen. „Sie verhindert Abhängigkeit und Missbrauch von erwachsenen Gefangenen. Dieses Risiko besteht vor allem, wenn Jugendliche keinen Besuch und somit keine Unterstützung von ihren Eltern erhalten“, erzählt die 47-jährige Missionarin.

Ein Ziel ist es, Talente zu entdecken und Selbstvertrauen zu stärken
Lionel hat sich für die Schuhproduktion entschieden und präsentiert heute sein erstes Paar. Um ihn anzuspornen, kauft Schwester Hanni ihm die Schuhe ab. Dann geht sie mit den derzeit 22 inhaftierten Jungen nach draußen zum Pavillon. Hier, im sandigen Gefängnisviertel der Jugendlichen, will sie ein Familienfest veranstalten. Theater, Poesie, Tanz und Musik – jeder beteiligt sich an der Programmgestaltung auf seine Weise. „Ein Ziel unserer Begleitung ist immer, Talente zu entdecken und Fähigkeiten, die in den Jugendlichen stecken, sichtbar zu machen, damit ihr Selbstvertrauen gestärkt wird“, erklärt Sr. Hanni.

Das Fest, das sie vorbereiten, ist ein Segnungsfest. Zu Neujahr segnen Eltern in Benin ihre Kinder. Diesen Brauch hat das Team von DomS zum Anlass genommen, um die Mädchen und Jungen im Gefängnis mit ihren Eltern zusammenzubringen und Aussöhnung zu ermöglichen. „Manche Jugendliche bekommen keinen Besuch ihrer Eltern, da diese oft nicht einmal wissen, dass ihre Kinder eingesperrt sind. Andere haben sie längst als hoffnungslose Fälle abgestempelt“, sagt die Missionarin. In diesem Fall müssen die DomS-Mitarbeiter ausdauernde Überzeugungsarbeit leisten, um die Eltern für das Segnungsfest zu gewinnen.

Der große Tag des Segnungsfestes ist da. Die Eltern gehen auf ihre Kinder zu. Manche zielstrebig, manche zögerlich. Sie legen ihnen die Hände auf, nehmen sie in den Arm. Einige Mädchen und Jungen legen ihren Kopf in den Schoss der Eltern. Viele Kinder bitten um Verzeihung. Hier und da hört man eine Mutter beten. Emotionen steigen hoch, Tränen fließen. Mit einem gemeinsam gesprochenen Segensgebet wird der Segnungsakt abgeschlossen.

Dieses Fest ist den Don Bosco Schwestern wichtig geworden. „Es zeigt, wie sehr ausgeübte Barmherzigkeit zu einer Veränderung im Inneren eines Menschen und in Beziehung zu anderen führen kann“, erklärt Sr. Hanni. „Durch dieses Fest finden Eltern und Kinder wieder zueinander, ein Neubeginn ist möglich. Oft ist es gerade diese Segnungsfeier, die den Weg für eine Rückführung in die Familie öffnet. Aber auch die Arbeit für die Psychologen wird erleichtert. Die Zeremonie stärkt das Vertrauen und fördert die Offenheit – beides ist für eine wirksame Begleitung notwendig.“

Der Abschied von Schwester Hanni und den DomS-Mitarbeitern, die mehrmals in der Woche zu Besuch kommen, fällt den Jugendlichen schwer. Der Gefängnisalltag ist hart. Doch sie wissen, dass jemand für sie da ist, der sich um sie sorgt. Sie wissen: Auf die Leute vom „Service Dominique Savio“ ist Verlass. Das gibt ihnen Hoffnung.

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