Bus der Hoffnung

Das Don Bosco Mobil besucht Straßenkinder in Sierra Leone an ihren Plätzen.
"Die Menschen haben die große Kraft, immer wieder aufzustehen und zu kämpfen“, erklärt Pater Crisafulli, Direktor von Don Bosco Fambul in Freetown.

In Sierra Leone leben Tausende Kinder auf der Straße. Viele haben ihre Familien während der Ebola-Krise verloren. Jeden Tag müssen die Jugendlichen ums Überleben kämpfen.

„Das ist unser Sommer“ steht in weißer Schrift auf dem hellblauen T-Shirt von Ishmael*. Die freudige Botschaft aus dem deutschen Fußball-Sommermärchen 2006 wirkt wie ein sarkastischer Kommentar am drahtigen Körper des jungen Mannes. Der 20-Jährige ist seit fünf Jahren obdachlos und gehört damit zu den etwa 2.500 Kindern und jungen Erwachsenen, die dauerhaft auf den Straßen der sierra-leonischen Hauptstadt Freetown leben.

An einer Straßenecke unweit der Hafenslums haben sich an diesem frühen Dezemberabend die ersten Jungen und jungen Männer auf einem steinigen Platz hinter der St. Georg’s Cathedral eingefunden. Der gröbste Müll auf dem Platz wird mit einem Handfeger beseitigt. 

Ishmael erzählt, dass seine Eltern starben, als er ein Jahr alt war. 1998 war das, auf dem Höhepunkt des Bürgerkriegs in Sierra Leone. Er wuchs bei seiner Tante auf, die 2012 an Cholera starb. Seitdem lebt er auf der Straße. Er verdient ein wenig Geld als Warenträger. „Für eine Meile Orangen-Tragen brauche ich 18 Minuten und bekomme dafür 4.000 Leone“ (etwa 45 Cent), erzählt er fast mit der Akribie eines Geschäftsmannes. Für Ishmaels Lebensunterhalt reicht das kaum. Um die Jobs rivalisieren viele der Straßenjungs. Betteln, Diebstahl und in einigen Fällen auch Prostitution gehören zum harten Überlebensalltag der männlichen Kinder und Jugendlichen, die im Schnitt 14 bis 15 Jahre alt sind.

Die Anzahl der Straßenkinder steigt weiter an
„Straßenjungen erleben täglich physische und psychische Gewalt durch Gleichaltrige, Bekannte, Geschäftsleute, Passanten und sogar durch die Polizei und das Militär“, heißt es in einer Umfrage, die Don Bosco Fambul noch unter der Leitung von Direktor Lothar Wagner 2010 unter 188 Straßenjungen in Freetown durchgeführt hat. Knapp zwei Drittel sind aus ländlichen Gegenden in die Hauptstadt gekommen. Armut, Missbrauch und mangelnde Zuwendung sind die Hauptgründe, auf die Straße zu flüchten. Und die Anzahl der Straßenkinder steigt weiter an. Durch die Ebola-Epidemie in Sierra Leone 2014 und 2015 sind landesweit 12.000 Kinder vom Tod eines für sie sorgenden Familienmitglieds betroffen.

„Ich arbeite seit 22 Jahren in Afrika, aber ich habe noch nie Menschen getroffen, die so viel leiden wie hier in Sierra Leone. Bürgerkrieg, Ebola und andere Katastrophen haben ihre Spuren hinterlassen. Aber die Menschen haben die große Kraft, immer wieder aufzustehen und zu kämpfen“, erklärt Salesianerpater Jorge M. Crisafulli, Direktor von Don Bosco Fambul in Freetown.

Bei dem Treffen an der St. George's Cathedral können sich die Straßenjungen registrieren lassen, um gezielt Hilfe zu bekommen. Vor allem Geduld sei gefragt und immer wieder die Ermutigung für die Kinder, ihr Leben zu ändern. 

Fambul bedeutet Familie
Ein vibrierendes, verwinkeltes Haus über drei Etagen, gerade sind hier 230 Frauen und Kinder untergebracht, die einige Monate zuvor bei einem schweren Erdrutsch am Rande der Stadt Angehörige verloren haben und deren Häuser zerstört wurden. Durch die offenen Treppenhäuser hallt das Rufen und Schreien spielender Kinder und der Lärm von Handwerksarbeiten. „Fambul bedeutet Familie in der Krio-Sprache, die hier in Sierra Leone gesprochen wird. Das ist es, was wir als Don Bosco Fambul anbieten wollen: eine Familie, ein Zuhause, in dem sich die Menschen willkommen fühlen“, betont Pater Jorge M. Crisafulli.

Ihr Nachtlager schlagen Straßenkinder an der vor einigen Jahren eingestürzten King Jimmy Bridge auf. Dort, wo vor Jahrhunderten die Sklaven aus Westafrika angekettet an eine Hafenmauer ihre letzte Station vor dem Abtransport nach Übersee hatten, ist heute ein Zentrum der Straßenjungs in Freetown. Auch Ishmael schläft an diesem geschichtsträchtigen Ort der Unterdrückung. Seine Träume aber knüpfen an das ganz aktuelle Problem weltweiter Flüchtlingsbewegungen. Ein Bekannter wolle einen Kleinlaster kaufen, erzählt er. „Dann kann ich Fahrer werden“, ist Ishmaels Hoffnung für die Zukunft.

*Name geändert und ** Namen geändert

Don Bosco Fambul
1994 während des Bürgerkrieges in Sierra Leone gegründet war das ursprüngliche Ziel von „Don Bosco Fambul“ die Rehabilitation von Kindersoldaten. Heute ist die Einrichtung vor allem eine Anlaufstelle für Straßenkinder. Bei Direktor Pater Jorge M. Crisafulli und seinen Mitarbeitern bekommen sie eine medizinische Versorgung, Hygieneschulungen und zahlreiche Spiel- und Bildungsangebote. Darüber hinaus ist das Don Bosco Mobil vor allem in den Slums von Freetown unterwegs. Die Salesianer haben auch eine landesweite Telefon-Hotline für Kinder eingerichtet. Im Programm „Girls Shelter Plus“ erhalten Kinderprostituierte Schutz und Unterstützung. Zudem kümmert sich Don Bosco Fambul um „vergessene“ Jugendliche im Pademba-Gefängnis.

Text gekürzt aus dem DON BOSCO magazin: York Schäfer, Fotos: Don Bosco Mission Bonn/Jonas Völpel

Die Don Bosco Mission Austria unterstützt Projekte der Salesianer, damit das Leben junger Menschen weltweit gelingt: SPENDEN

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