Erzbischof Müller erst "im Lernprozess"

Papstberater Rodriguez Maradiaga SDB sieht beim Glaubenspräfekten fehlende Flexibilität.
Kardinal Oscar Andres Rodriguez Maradiaga SDB bei seinem Besuch in Wien.

Mit zwei Großinterviews für deutsche Medien hat Papstberater Kardinal Oscar Andres Rodriguez Maradiaga SDB aufhorchen lassen. Maradiaga übte u.a. Kritik an der seiner Meinung nicht ausreichender Flexibilität von Glaubenspräfekt Erzbischof Gerhard Ludwig Müller, forderte mehr Befugnisse für die Bischofskonferenzen, würdigte die Kapitalismuskritik des Papstes und sprach sich gegen eine Rückkehr des umstrittenen Limburger Bischofs Franz-Peter Tebartz van-Elst aus. Der Erzbischof von Tegucigalpa (Honduras) ist Koordinator des Kardinalsrates für die Kurienreform ("C8").

Zum Präfekten der Glaubenskongregation, Erzbischof Gerhard Ludwig Müller, sagte Maradiaga gegenüber dem "Kölner Stadtanzeiger", dieser sei noch im Lernprozess. Müller sei ein deutscher Theologieprofessor; "in seiner Mentalität gibt es nur richtig oder falsch, das war's. Aber ich sage: Die Welt, mein Bruder, die Welt ist nicht so. Du solltest ein wenig flexibel sein, wenn du andere Stimmen hörst, damit du nicht nur zuhörst und sagst: Nein, hier ist die Wand."

Als er Müllers Äußerungen über die Autorität der Kirche gelesen habe, habe er gedacht: "Okay, vielleicht hast du Recht, vielleicht aber auch nicht." Er, Maradiaga, glaube aber, Müller werde noch "dahin gelangen, andere Ansichten zu verstehen". Derzeit sei er "halt noch am Anfang, hört bloß auf seinen Beraterstab".

Der Kardinal räumte ein, bislang noch nicht persönlich mit Müller gesprochen zu haben: "Aber wir werden reden, ganz bestimmt. Es ist immer gut, einen guten Dialog zu führen."

Der frühere Dogmatikprofessor und Regensburger Bischof Müller leitet seit 2012 die Römische Glaubenskongregation und damit eine der ranghöchsten Vatikanbehörden. Ende Februar wird er von Papst Franziskus ins Kardinalskollegium aufgenommen.

Weiters kündigte Maradiaga - in diesem Fall im Interview mit der deutschen katholischen Nachrichtenagentur KNA - mehr Befugnisse für die nationalen Bischofskonferenzen an. "Viele Fragen müssen nicht notwendigerweise von der römischen Kurie entschieden werden", sagte er. Dies bedeute nicht automatisch regionale rechtliche Unterschiede.

Der Kardinal wandte sich mit einem Wort von Papst Franziskus gegen "Karrierismus" an der Kurie. Viele begännen einen Weg in der Kurie, über den sie "gleichsam automatisch Bischof, Erzbischof oder sogar Kardinal" würden. "Das entspricht nicht länger der Mentalität der Weltkirche", so der Ordensmann der Salesianer Don Boscos. Bischöfe aus allen Erdteilen hätten ihren Unmut darüber deutlich gemacht.
"Die Tätigkeit an der römischen Kurie ist ein Dienst, es ist keine Karriere und keine Machtposition", betonte Maradiaga.

Mit Blick auf das Kardinalskollegium sagte der Lateinamerikaner, die verschiedenen Teile der Kirche müssten darin angemessen repräsentiert sein. Das sei bislang "noch nicht ganz der Fall". Ob damit eine Erweiterung des Gremiums von bislang rund 120 Papstwählern einhergehen müsse, ließ er offen.

Gelassen sieht Maradiaga kritische Äußerungen über den Kurs von Papst Franziskus. Die Gegnerschaft zum Papst sei "vielleicht massiv, aber nicht zahlreich", sagte er im "Stadtanzeiger"-Interview. Die meisten Katholiken stünden hinter dem Papst.

"Seine Gegner sind Leute, die die Wirklichkeit nicht kennen", so der Kardinal aus dem armen Honduras. In US-Wirtschaftskreisen etwa habe es "viel Geschrei um die Kapitalismuskritik des Papstes" gegeben.
"Wen hat denn die jüngste Finanzmarktkrise getroffen?", fragte der Kardinal: "Doch nicht die Armen, sondern das reiche Amerika, das reiche Europa." Diese Krise sei "keine Erfindung der Befreiungstheologie und nicht die Folge der "Option für die Armen" gewesen. "Wer den Kapitalismus nicht kritisiert, der liegt falsch - nicht der Papst".

Lob spendete der C8-Koordinator der deutschen Kirche für ihr weltkirchliches Engagement. "Vielleicht hilft keine Ortskirche der Weltkirche so sehr wie die deutsche", sagte er der KNA. Auch das sei eine Option für die Armen.

Die Rückkehr des Limburger Bischofs in seine Diözese hält der Honduraner für ausgeschlossen. "Ich weiß, dass viele Gläubige in der Diözese verletzt sind. Um offene Wunden zu heilen, schütte ich keinen Alkohol darauf", sagte der Erzbischof von Tegucigalpa. Er leide mit den deutschen Katholiken an den Problemen in Limburg, so der Koordinator der Kardinalskommission, die im Auftrag des Papstes an Strukturreformen der Kirchenleitung arbeitet. "Wenn einer Fehler gemacht hat, soll er sich dazu bekennen, um Entschuldigung bitten und sich einen anderen Platz suchen", führte Maradiaga mit Blick auf Tebartz weiter aus.

Oscar Andres Rodriguez Maradiaga ist 71 Jahre alt. Er zählte 2005 und 2013 zu den Anwärtern auf das Papstamt. Der Salesianer ist ein Mann klarer Ansagen, unter anderem als Wortführer der Millenniums-Entschuldungskampagne zum Jahr 2000. Unermüdlich kritisiert er als Präsident von Caritas Internationalis Ungerechtigkeit und Drogenkriminalität in Lateinamerika.
Dem 2009 gestürzten Staatspräsidenten seines Heimatlandes, Manuel Zelaya, warf er ebenso Korruption vor wie dessen Nachfolgern im Amt.
Seit 2001 ist Maradiaga, der auch Psychologe und Psychotherapeut ist, Mitglied des Kardinalskollegiums. In der von Papst Franziskus einberufenen Kardinalskommission zur Kurienreform hat er den Vorsitz und damit eine Schlüsselfunktion inne.

Der Kardinal spricht mehrere Sprachen fließend und spielt unter anderem Saxofon und Klavier. Er promovierte in Theologie und Philosophie, studierte zusätzlich Mathematik, Physik, Psychologie und Wirtschaftswissenschaften.

(KAP)

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