Die Jugendlichen sind die Zukunft der Kirche

Der Wiener Erzbischof Kardinal Christoph Schönborn im Interview mit dem DON BOSCO magazin.
„Bin zutiefst überzeugt vom Friedensprojekt Europa“ Foto: Erzdiözese Wien

Im DON BOSCO magazin erklärt Kardinal Schönborn, wie er die Situation der europäischen Jugendlichen einschätzt und was die Kirche zu einem sozialen und friedlichen Europa beitragen kann.

Herr Kardinal, wie haben Sie persönlich das Zusammenwachsen Europas nach dem Zweiten Weltkrieg und den Weg zur Europäischen Union erlebt?
Die Europäische Union ist für mich ein beispielloses Friedensprojekt. Die heutigen Generationen betrachten den Frieden vielfach als Selbstverständlichkeit. Aber für viele Beitrittskandidaten in Europa ist die Perspektive auf Mitgliedschaft in der EU der größte Ansporn und die wichtigste Motivation für die Suche nach friedlichen Lösungen ihrer ethnischen Konflikte. Die Union gründet auf Werten wie Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und Wahrung der Menschenrechte, einschließlich der Minderheitenrechte. Deshalb müssen wir ein deutliches Zeichen der hoffnungsvollen Solidarität mit der Europäischen Union setzen.

Europa driftet auseinander. Einige Länder schotten sich ab, rechte Kräfte gewinnen an Macht. Wo sehen Sie im Moment die größten Probleme und Gefahren für die Zukunft Europas?
Eine der größten Gefahren ist sicherlich, dass in vielen Ländern Europas und auch in unseren Nachbarländern nationalistische Tendenzen stark werden und rechte Parteien die Oberhand gewinnen. Die europäische Union ist teilweise brüchig geworden: Großbritannien verhandelt um den Brexit, einzelne Regionen wie Katalonien streben nach mehr Autonomie oder ringen sogar um die Abspaltung. Nach 70 Jahren des Aufeinander-Zugehens, nach den schrecklichen Erfahrungen der zwei Weltkriege strebt Europa wieder auseinander. Das ist furchtbar kurzsichtig. In vielen Dingen leben wir heute ja völlig selbstverständlich ein europäisches Miteinander. Und das soll alles plötzlich zurückgeschraubt werden?

Die Flüchtlingsfrage hat Europa und die EU auf eine harte Probe gestellt. Hat der Staatenverbund hier versagt?
Es ist beschämend, dass es in der wichtigen Frage, wie mit Menschen, die aus Krisengebieten geflüchtet sind, umzugehen ist, keinen europäischen Konsens gibt. Ich vermisse in der Flüchtlingskrise eine gemeinsame europäische Lösung. Gleichzeitig habe ich auch Verständnis für einzelne Staaten. Denn jedes Land hat seine eigene Geschichte und andere Erfahrungen mit Flüchtlingen gemacht.
In Österreich haben wir in den letzten 40, 50 Jahren gute Erfahrungen mit Flüchtlingen gemacht – Ungarn, Tschechoslowakei 1968, Bosnienkrieg, Ex-Jugoslawien. Wir haben mit sehr viel Großzügigkeit auf die Flüchtlingsnot reagiert, sind aber diesmal wohl überfordert gewesen, weil so viele Flüchtlinge nach Österreich und Deutschland wollten und eben nicht nach Ungarn oder Tschechien oder nach Polen. Sie wollen nach Österreich. Das spricht für Österreich, macht aber Österreich auch ein Problem. Die Zahlen waren einfach dramatisch hoch. Inzwischen ist es sehr viel ruhiger geworden. Die entscheidende Frage, vor der wir in Österreich jetzt stehen, ist die Integration der Flüchtlinge.

Weshalb muss aus kirchlicher Sicht die europäische Idee gefördert werden?
Ich bin zutiefst überzeugt vom Friedensprojekt Europa und hoffe, dass die europäische Gemeinsamkeit größer sein wird als nationalistische Abschottung. Der Blick auf das europäische Friedens- und Integrationsprojekt darf nicht am Flucht- und Migrationsthema scheitern. Denn das europäische Miteinander ist unvergleichlich besser als das europäische Gegeneinander, unter dem wir jahrhundertelang gelitten haben. Friede in der Welt ist nur dann möglich, wenn auch Religionsfreiheit gesichert und auch real gelebt wird. Erst Dialog der Kulturen, gegenseitige Integration und das Hervorbringen von Neuem, wie Papst Franziskus betont hat. Die Vermittlung dieser Haltung, die aus christlich gelebtem Humanismus hervorgeht, wäre eine Mission Europas für eine Welt, in der es vielerorts keine Religionsfreiheit gibt.
Religiöse Institutionen, darunter auch die katholische Kirche, haben bei den Jugendlichen in Europa einen schlechten Stand. Muss die Kirche mehr auf die Jugendlichen zugehen? Ja, es sind wenige, weil es insgesamt weniger Jugendliche gibt. In anderen Teilen der Welt gibt es hingegen einen dramatischen demografischen Anstieg. Zugleich muss man in Rechnung stellen, dass Jugendliche sich zwar häufig nicht in den klassischen Strukturen der Pfarreien engagieren. Dies heißt jedoch nicht automatisch, dass es keine Jugendlichen mehr in der katholischen Kirche gibt.

Welchen Beitrag leistet die Kirche zu einem sozialen, zukunftsfähigen Europa?
Aufgabe der Kirche ist, Europa mit aufzubauen. Dazu gehört, dass wir uns mit allen Kräften für mehr Solidarität, Frieden und Toleranz in Europa einsetzen. Es gehört untrennbar zur Verkündigung des Evangeliums, Schwachen und Verletzten Trost und Hilfe zu geben und für mehr Menschenrechte einzutreten. Da sind gerade wir als Christen gefragt. Eine Frage ist auch, ob wir Österreicher und Europäer wirklich zu den christlichen Werten stehen, die Europa groß gemacht haben, oder ob es uns letztlich egal ist. Das beginnt damit: Ist es uns wichtig, dass es einen Religionsunterricht in den Schulen gibt? Ist es uns wichtig, dass die Kirchen nicht nur Museen sind? Wir sind eingeladen, mitten in unserem säkularen Europa, das Religion am liebsten aus dem öffentlichen Leben völlig verdrängen möchte, für unseren Glauben in der Öffentlichkeit einzustehen und ihn vor allem zu praktizieren.

Was erwarten Sie von der Bischofssynode im Herbst zum Thema „Die Jugendlichen, deren Glaube und die Berufungsunterscheidung“?
Die Jugendlichen sind immer die Familien der Zukunft und die Zukunft der Kirche. Deshalb bin ich stets zuversichtlich und erwartungsvoll. Einerseits gibt es viele Probleme und Herausforderungen, wie beispielsweise das Thema Arbeitslosigkeit, unzureichende Bildungschancen sowie eine fehlende berufliche und soziale Begleitung. Andererseits gibt es den großen Reichtum der Jugend, ihre Kreativität und ihren Einfallsreichtum. Dabei soll es um die Begleitung junger Katholiken zu Reife und um den Prozess der Entscheidung bzw. der Unterscheidung der Lebenswege gehen. Das Ziel sollte sein, dass die jungen Menschen entdecken, was ihr Lebensprojekt ist, und sie dieses auch mit Freude annehmen und realisieren. Im Kern geht es um die Öffnung für die Begegnung mit Gott und mit den Menschen und um ein aktives Leben in Kirche und Gesellschaft.
Wenn man den Erfolg der Familiensynode sieht, besteht die berechtigte Hoffnung, dass dieser synodale Weg starke Impulse geben wird.

Zum ganzen Thema im DON BOSCO magazin: HIER

(Interview: Don Bosco magazin)

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